WAS DIE PRESSE MEINT

"we live there"

Die Querflöte ist immer noch ein Exot im Jazz. Im Latinjazz ist sie für die extra hohen Noten zuständig, im „normalen“ Modern Jazz ist sie oft nur eine Klangfarbe oder Zweitinstrument der Saxophonisten. Der Berliner Flötist Tilmann Dehnhard (der sich zeitweilig ganz auf das Saxophon konzentriert hat) konzentrierte sich für We Live Here wieder voll und ganz auf das von Theobald Böhm erfundene konische Blasinstrument. Mit einer alleine gibt sich der 39jährige aber nicht zufrieden, er hat mittlerweile die ganze Familie zur Hand. Die am meisten vertretene C-Flöte wie die kleine durchdringende Piccolo kennt man auch aus den klassische Orchestern, Alt- und Bassflöte sind tiefe Exoten, und die von Eva Kingma gebaute Kontrabass-Querflöte hat nur wenige Geschwister in der Welt (für alle, die wissen wollen, wie so ein Instrument aussieht: Wie ein zu einer 4 geformtes Ofenrohr, oder zu sehen unter www.dehnhard.com). Tilmann Dehnhard ist ein Virtuose auf seinem Instrument, er fliegt geschmeidig durch seine Lines, aber das technische Können steht bei ihm trotzdem nie im Vordergrund steht. Seine CD ist eine gesunde Mischung aus Jazzstandards, Popsongs (wer hätte gedacht, daß sich Beatles-Stücke so gut für Flöte eignen?) und eigenem, das zwischen Souljazz, Jazz und zeitgenössischer Musik pendelt. Schön ist der abwechslungsreiche Klang durch die verschiedenen Flöten, und großartig ist auch Dehnhards Band besetzt. Mit Paul Kleber am Bass, Kai Brückner an der Gitarre und Sebastian Merk am Schlagzeug hat sich der Flötist genau die passenden Berliner Partner in die Band geholt. Meine Anhörtipps wären „Angelica“ von Ellington (wegen der Kontrabassflöte), „My Favourite Things“ (wegen des Intros, das nach mehreren Overdubs klingt, aber „nur“ mit Flöte und Stimme eingespielt ist) und „Wake Up!“ (ich habe bisher noch niemanden gehört, der seine Hassliebe zu seinem digitalen Wecker so schön in eine Komposition verpacken konnte. Solostück für Piccolo in Begleitung von „tüdülüdü – tüdülüdü“).
Jazzthetik Angela Ballhorn

Flötisten jedweder Couleur gibt es eine Menge. Allerdings einer, der sich ’nur’ mit einer Flöte in einer Band Gehör verschafft, der ist nach wie vor ein Unikum, gar ein Sonderling. Das war und ist so in Jazz, Rock und Pop. Die großartige, fabelhafte Ausnahme im Musikgeschäft ist seit Jahrzehnten der Frontmann von Jethro Tull, Ian Anderson.
Ausgestattet mit einer veritablen Flötenfamilie – von der Piccoloflöte bis zur Kontrabassflöte – macht der 1968 in Darmstadt geborene und in Berlin lebende "Nur-Flötist" Tilmann Dehnhard erneut auf sich aufmerksam. Im Quartett mit Gitarre, Baß und Schlagzeug werden Klassiker der Genres auf unerhörte Weise neu zusammengesetzt. Dehnhard ist in den sogenannten Fachkreisen zwar kein Unbekannter, die gebührende Anerkennung von einem größeren Publikum blieb jedoch bislang aus. Das könnte sich ändern: Mikado bringt in dieser Woche jeden Morgen – außer an Karfreitag – mundgeblasene Juwelen, unerhörte Grenzgänge zum Vorschein.
hr2 - mikado - : magr

Tilmann Dehnhard is no stranger to KlangRäume. Already with his solo CD for flute “Breath” (CD 30460) he succeeded in making his mark. In the meantime, Dehnhard has come to own the smallest and largest flutes on the planet — and he plays them with virtuosity. And yet Tilmann Dehnhard has far more than his transverse, alto, bass and overtone flutes. He has his voice, which he uses to hum intervals for his flute tones, as well as his fingers, which can even sometimes serve as percussion during the trills. Sometimes all at once.On this foundation, intensive musical forms are structured which Dehnhard moulds vibrantly with his breathing. Elegantly blended into this are Kai Brückner’s crisply precise and yet floating guitar, as well as a rhythm section (Paul Kleber on keyboards and Sebastian Merk on drums) that truly deserves its name. Once you’ve started to listen to this CD, you won’t find it easy to stop. Why is that? Because music is always the most enjoyable when it’s presented in a musical fashion.
Info Klangräume


"Koala Lounge"

Wer die spielerische Melancholie von Fellini-Filmen liebt, die oft nicht zuletzt durch die schlicht-schöne Musik von Nino Rota zu voller Blüte kommt, wird schon beim ersten Stück des Tilmann Dehnhard Quintett-Albums "Koala Lounge" in seiner Fantasie weiße Dampfer durch Nebelschwaden am Horizont vorbeifahren oder ent- und manchmal auch ein bisschen ver-rückte Träumer am Strand mit sich selbst tanzen sehen.
Unwillkürlich lässt man sich mitnehmen und treiben von den wunderbaren Melodien, die immer leichte Wehmut, selten aber Traurigkeit ausstrahlen. Eher Vertrautheit, Intimität.
Nichts für Verfechter gegelter Hochglanzästhetik. Wahre Schönheit, auch die etwas spröde, kommt von innen und hat mit Seele zu tun. Die musikalische Biografie von Tilmann Dehnhard (Jg. 1968) weist in recht unterschiedliche Richtungen. In jüngerer Vergangenheit hat er sich vor allem mit dem Flötenspiel und damit verbundenen Spiel- und Atemtechniken beschäftigt, was die Solo-CD "Breath" (Klangräume) beeindruckend dokumentiert.
Er ist mit dem Berlin Contemporary Jazz Orchestra unter Leitung von Alexander v. Schlippenbach auf dem Album "The Morlocks" (FMP) zu hören, mit dem Young Improvisor's Pool auf "Backgrounds for Improvisors" (FMP), mit Jazz Indeed auf den Produktionen "Under Water" und "Who the moon is" (beide Traumton) und mit dem Nils Wülker Quintet auf "High Spirit" (Sony Music).
Als Tilmann Dehnhard 1998 für eine Konzertreihe im Bauhaus-Archiv Berlin sein Quartett, besetzt mit Tenorsaxofon, Trompete, Kontrabass und Schlagzeug, gründete, suchte er nach einem neuen, eigenen Sound, nach einer neuen Herausforderung. Er suchte nach dem Klang der Einfachheit, die alles andere als banal ist. Er suchte nach der Kraft der Melodie, auch nach dem Mut, auf eben diese zu vertrauen. Kein Hightech, keine Samples, keine Akkorde ­ just music. Manchmal musste sich Tilmann Dehnhard selbst von der Richtigkeit seines Weges überzeugen, freimachen vom Druck des Irrtums, Originalität als Synonym für Kompliziertheit zu deuten. Er lernte, seiner inneren Stimme zuzuhören und an sie zu glauben.
Erst als er sein Klangideal gefunden hatte - die Dreistimmigkeit von Saxofon, Trompete und Bass, getragen von vielschichtigen Grooves und Sounds des Schlagzeugs - kam die Gitarre als fünftes Instrument hinzu, ohne der Grundidee im Wege zu stehen oder sie zu verwässern.
Vielmehr macht sich Kai Brückner, Dehnhards "Lieblingsgitarrist", dessen "Melodie-Konzept" zu eigen und gibt der Gitarre eine gänzlich andere Bedeutung als in allen Bands, in denen man ihn sonst hört. Dass trotz all dem zuweilen auch ordentlich die Post abgeht oder eine Sängerin einen überraschenden Gastauftritt hat, ist wahrlich kein kleingeistiges Zugeständnis an landläufige (Jazz-) Hörgewohnheiten, sondern macht dieses Album zu einem bemerkenswerten Unikat der deutschen Jazzszene.
Ulf Drechsel

Ist es eigentlich ein Zufall, dass dieses Quintett anlässlich einer Konzertreihe im Berliner Bauhaus-Archiv gegründet wurde? Niemals, muß man sagen, wenn man die Debüt-Aufnahme von Tilmann Dehnhard und seinen Jungs hört.
Eigentlich kennt man Dehnhard als experimentierfreudigen Flötisten, der schon mal einen ganzen Silberling ausschließlich der Atemtechnik auf seinem Instrument gewidmet hat. Mit Koala Lounge erweist sich der 1968 geborene Musiker als gefühlsechter Tenorsaxofonist-und begnadeter Architekt gemütlich-funktionaler Klangräume. Jeder der 12 Songs ist ein Austellungsstück.
Die polyphone Verzahnung von Tenor, Trompete (Sven Klammer) und Kontrabass (Oliver Potratz) schmeichelt dem Ohr und kitzelt gerissen simpel dem Intellekt, dazu sirrt eine Gitarre (Kai Brückner) und trippelt demütig ein Schlagzeug (Eric Schaefer).
Kenny Wheeler und Nino Rota lassen wohlwollend grüßen bei dieser bezaubernd konsumentenfreundlichen Musik. Doch, in dieser Lounge ist man gerne Gast.
Josef Engels, jazzthetik

Chill-out-Musik für Menschen mit Köpfchen
Anspruchsvoller Jazz ist oft schwierig, kommt zu kopfig und akademisch daher, scheint eher ein Beweis dafür sein zu sollen, daß seine Erzeuger in den Harmonielehrevorlesungen aufgepaßt haben, weswegen man selbst einfachste Bluesschemen noch mit den absurdesten Harmonieverbiegungen vermeintlich zu bereichern versucht. Ganz wichtig ist es natürlich, daß die einzelnen Solisten Läufe auf ihren Instrumenten hinbekommen, die einem fünffachen Salto am Trapez ohne Netz gleichen. Wer auf derlei musikalische Zirkussensationen steht, sollte die Finger von dieser CD lassen. Tilmann Dehnhard ist kein solcher Blender.Seine Kompositionen sind clever und trotzdem leicht verdaulich, seine Soli schlicht, aber ergreifend. Man kann seiner Musik wie Popmusik nebenbei lauschen oder sie sich in Ruhe anhören und viele hübsche kleine Details entdecken. Die Stimmung, die einen dabei so herrlich angenehm befällt, ist die einer klugen Gelassenheit. Koala Lounge ist die perfekte Chill-out-Musik für Menschen mit Köpfchen.
Internetkritik auf produkt-mix.de

Atemströme: Tilmann Dehnhards Flötentöne

Auf ihren frühen Schallplatten ließ die Rockgruppe "Queen" regelmäßig den immer wieder variierten Hinweis drucken: "Niemand spielte Synthesizer" - koketter Verweis auf die frappierende Vokalkunst der vier Musiker.
Auch auf dem Cover der CD des jungen Berliner Flötisten Tilmann Dehnhard findet sich der lapidare wie auftrumpfende Verweis: "No loops, no effects, no overdubs", was an den Max Reger zugeschriebenen Witz über einen Fagottisten erinnert, der auf die erstaunte Frage, ob er alle Töne tatsächlich mit dem Mund erzeuge, bescheiden antwortet "Ich hoffe doch."
Dehnhard, der seine Aufnahmen von Improvisationen, die zu notierten Stücken wurden, die wiederum wie Improvisationen klingen, bescheiden seinen Lehrern widmet, weiß nicht minder mit Tonerfindungen zu verblüffen - sie verdanken sich vor allem seiner Atemtechnik.
Das zirzensische Wirbeln ist gleichsam Garnitur wunderbarer Melodien, die über ganz und gar prosaischen Titeln schweben: "Breath I, II, III", "Altosolo". Kurios wie virtuos ist Dehnhards mehrstimmiges Baßflötenspiel mit dem Song "Sign 'o' the Times" des amerikanischen Popzauberers Prince.
FAZ, 29. September 2000

Nach dem ersten Festival vor sechs Jahren in Frankfurt war nun abermals ein Wochenende lang "Flöte total" angesagt: Beim zweiten "European Flute Festival" der Deutschen Gesellschaft für Flöte e. V. gab es in der Frankfurter Musikhochschule und in der Alten Oper wieder ein volles Programm mit Workshops, Vorträgen, Meisterklassen, einem Wettbewerb für Komposition und Interpretation sowie zahlreichen Konzerten. ... Am besten gefiel der Soloauftritt des Berliner Flötisten Tilmann Dehnhard.
Er spielt fast durchweg zweistimmig, indem er zu den auf der Flöte geblasenen Tönen noch Intervalle hinzusummt. Dazu geht er unentwegt auf der Bühne herum und imitiert schnalzend oder zischend auch noch ein Schlagzeug. Das alles hat er zu großer Virtuosität entwickelt.

FAZ, 23. März 1999


Great solo flute record man - really nice - thoughtful - good concepts and different.
David Liebman


Lonely Woman von Ornette Coleman in der Solo-Altflöten-Version von und mit Tilmann Dehnhard. Zärtlich, schwach und ohne Power, so klang die Flöte im Jazz zu Beginn ganz gewiss. Aber das ist lange her. Und mit dem jungen Wahl-Berliner Tilmann Dehnhard hat dieses Instrument nach Michael Heupel einen weiteren herausragenden deutschen Vertreter. Mit stupender Technik, Zirkularatmung und feinem Sinn für Klangschattierungen versteht es Dehnhard, Klanagebilde von zauberhafter Intensität mit seinem Atem zu modellieren.
Lapidar "Breath" heißt die CD und ein Triptychon darauf, und das ist der erste Teil daraus. Breath, der erste Teil eines dreiteiligen Stückes mit dem Flötisten Tilmann Dehnhard. Entstanden sind diese Aufnahmen übrigens im "Großen Wasserspeicher" in Berlin und auf dem Label Klangräume erschienen.
Der 1968 in Darmstadt geborene und seit seinem 5. Lebensjahr in Berlin lebende Flötist und Saxophonist Tilman Dehnhard bringt das Dilemma aller ,,NurFlötisten" wie folgt auf den Punkt: "Nur mit Flöte hat man im Jazz eigentlich nicht viel zu melden. Du kannst in keiner Bigband spielen und den besten Anrufbeantworter der Welt haben, es ruft niemand an, weil er einen Flötisten braucht. Den Job gibt es einfach nicht - das sieht mit Saxophon schon erheblich anders aus."

Hubert Böhm, hr2 Crossover: Jazzpects. 11.11.2000


Die lange Nacht von Berlin: Bilder, Feuer, Partys, Taucher. Zehntausende waren bei milden Temperaturen unterwegs, um bis nach Mitternacht Museen und das Aquarium zu besuchen oder über die Straßen von Mitte zu flanieren.
Im Bauhaus-Archiv sorgte das Tilmann-Dehnhard-Quartett gemeinsam mit der Autorengruppe "Büro für gute Worte" für relaxte Jazz-Happening-Atmosphäre.
BERLINER ZEITUNG

...Tilmann Dehnhard...: findiger Composer-Performer, der einen Ermunterungskurs für improvisationsscheue Festivalgäste abhielt. Ihnen riet er, es doch einfach mal zu versuchen. Falschmachen - wie beim Noten(ab)spielen - könne man beim Stegreifspiel doch eigentlich gar nichts. Die beliebte Begründung "Bei mir kommt ja doch nichts Gescheites heraus" sei nicht stichhaltig, sie bemäntele nur das fehlende bißchen Mut. Schließlich sei Improvisation keine Hexerei, sondern ein mehr oder minder freizügiges Jonglieren mit Floskeln -"so wie ein Koch den meisten Gerichten Tomaten beimischt." Daß es beim Improvisieren freilich darum geht, einen Erzählstrang aufzubauen nach dem Muster "Eating, eating a ham, eating a hammock..." (unübersetzbares Wortspiel: essend, einen Schinken essend, eine Hängematte essend), führte er in seinem "Interflutactic Souloconcert"zur Nachtzeit vor. Zum Festival-Auftakt hatte Dehnhard übrigens mit seiner minimalistischen Klangcollage"Ripples" das versammelte Flötenvolk zum dreistöckigen Chorus geschichtet.
Lutz Lesle

 

Nicht nur Flötentöne

Was heißt hier Flötentöne? Tilmann Dehnhard hat viel mehr als seine Quer-, Alt-, Bass-, und Obertonflöten. Er hat auch seinen Atem. Er hat seine Stimme. Und die Finger, die beim Trillern auf den Instrumenten auch schon mal die Percussion ersetzen. Und manchmal alles gleichzeitig.
Der 1968 in Darmstadt geborene Flötist spielt Jazz und anderes. Das Andere ist auf der CD "Breath" zu hören, die beim Rendsburger Label KlangRäume erschienen ist. Es sind mal stille, monotone, auch orgelhafte Stücke wie das Werk "Moisture" aus dem Zyklus "Sweet Water", mal verspielt-eigenwillige Interpretationen wie die des Prince-Hits "Sign o'the times".
Der titelgebende Dreiteiler "Breath" ist, wie die meisten anderen Werke auch, weniger zum Nebenherhören geeignet. Am besten setzt man sich mit dem Kopfhörer auf die Couch, dann stören die experimentellen Klänge die Mitbewohner nicht. "Breath" ist entstanden aus Improvisationen, die Dehnhard in den vergangenen Jahren ausgearbeitet hat.
Die Stücke lösen Assoziationen von fliehenden Vögeln, von japsendem Atmen oder von dem Sauerstoff aus, den das Blut durch den Körper transportiert.
Dehnhard spielt auch nicht nur solo, bei "Sweet Water" etwa lotet er zusammen mit Bettina Junge und Stefan Weydert Abgründe aus: Frage-Antwort-Spiele, gegenseitiges Unterbrechen, was bis zum schrillen Stimmenchaos geht. Die Platte ist in einem Wasserspeicher in Berlin aufgenommen worden - die Akustik gleicht der einer Kirche.
Alles live gespielt, keine technischen Effekte. Trotzdem mehr als nur Flötentöne.
Bert Strebe, Hannoversche Allgemeine, 10. 2. 2001


Improvisation is spontaneous Composition Composition is frozen Improvisation
Die Flöte im Jazz - Kurs mit Tilmann Dehnhard 2.bis 4. November 2001 - LMA Berlin

Neunzehn FlötistInnen unterschiedlichsten Alters und keineswegs alles Flötenlehrer trafen sich in der Berliner Landesmusikakademie, um sich bei Tilmann Dehnhard im Jazzflöte spielen unterweisen zu lassen.
Was ist Jazz überhaupt? - stand als erste Frage im Raum. Wir trugen zusammen, was uns einfiel. Das war 'ne ganze Menge an Begriffen, die ich teilweise als roten Faden nutzen möchte, um Euch einen kleinen Einblick in unser gewonnenes Wissen und als Anregung zu geben, sich vielleicht selbst mit dem Thema auseinander zu setzen.
Ein knapper, wahrer Satz beschreibt den Unterschied zwischen E- und U-Musik (obwohl ich denke, dass der gar nicht so groß ist, man vergleiche Swing-Achtel mit integraler Artikulation): Der Klassiker überlegt, wie er den Ton spielt, der Jazzer, welchen Ton. Man erkennt als geübter Hörer sofort den Interpreten an seinem ureigenen Sound. Es gibt nicht viele Jazz-Flötisten. Die wir zu hören bekamen, hatten tatsächlich jeder einen anderen Flötenton, wobei manche "Klänge" für Klassikerohren ziemlich gewöhnungsbedürftig waren.
Was Klassiker und Jazzer verbindet, es sei denn sie haben's "voll im Blut" ist die Kenntnis der Theorie. Sich nach Jahren der "Abstinenz" wieder in harmonische, intervallische und Tonleiterüberlegungen und -denkungen hinein zu begeben, tat gut -weil ja doch vieles noch im Kopf ist - war aber auch ordentlich anstrengend. Alle "Schüler" konnten ziemlich gut folgen. Gab es doch mal ein langes Gesicht eines "Abgehängten", konnte Tilmann ihn wieder gut mit ins Boot holen. Harmonie & Melodie sind auf alle Fälle das A und 0. Die Skalen (wie dorisch, mixolydisch oder ganz kompliziert aber machbar, die alterierte Skala) müssen zu "den Eigenen" werden. Das heißt, sie sind systematisch auszuquetschen, bis sie ohne weiteres abrufbar sind. Wir haben uns den oben aufgeführten Skalen auf die unterschiedlichste Weise genähert: Die Töne der alterierten Skala zu einer sich ständig wiederholenden "Dominante-Nach-Tonika" singender Weise aufgelöst. Und dabei die verschiedensten Spannungen der einzelnen Töne gespürt. Oder nur die Töne einer Skala zum Grundton gesungen bzw. gespielt.
Die Harmonien - auf alle Fälle immer mit Septen oder Nonen würzen - am besten am Klavier ausmelken, wobei man nicht umhinkommt, sich mit den "abertausenden" Akkordsymbolen auseinander zu setzen. Quintessenz: alle Strickmuster müssen erlernt werden, dann kannst du deine eigenen Kreationen ausprobieren.
Um den Groove (die Rille in Vinyl) zu spüren und in der Time zu bleiben, probierten wir einen Teil der auch gut alleine durchführbaren, systematischen Übungen. Alle stampften abwechselnd rechts und links auf die Zählzeit 1 und 3 eines Vierer-Taktes, während sich der Körper dabei in Achteln auf- und ab-bewegte. Läuft das wirklich gleichmäßig - bei 19 Leuten ist das nicht einfach - wird dazu geklatscht. Erst alle möglichen Viertel, später alle Achtel (bis dahin sind wir gekommen), anschließend noch alle sich bietenden Kombinationen. Klatschen und Stampfen ganz genau zur gleichen Zeit, ist schon alleine die Übung wert, denn: Die Jazzer steigen in den Bus und der fährt sofort im richtigen Tempo los.
Nebenbei - und eigentlich immer - sollte man sich alles, was geht, an Jazzmusik "reinziehen". Sogenanntes "gesättigtes Hören" betreiben: alle Jazz-Standards, die auch im Realbook zu finden sind, möglichst von verschiedenen Interpreten anhören. Das ist höchst interessant, weil sich so das Grundgerüst des Standards herauskristallisiert. Gewisse Melodienfragmente erwartet man ganz einfach, spätestens nach der dritten Aufnahme - das haben wir selbst feststellen können. Transkriptionen selbst anzufertigen hilft, die Vernetzung der kleinen, mühsam erarbeiteten und trainierten Theoriebausteine zu begreifen.
Learn it (siehe oben) and than forget it und schreite zur Improvisation. Man nehme sich einen Standard, einen Pianisten (wenn der nicht verfügbar, ein Play along), eine kleine rhythmische Idee und spiele los.
Wir hatten das Glück, dass sich Niki Thärichen - Tilmanns Duo-Partner - am Sonntag zwei Stunden Zeit nahm, mit einigen Mutigen (für meine Begriffe super gut) gemeinsam zu jazzen. Sich wirklich zu trauen, ist wahrscheinlich das größte Hindernis.
In der kurzen Zeit vermittelte Tilmann ziemlich kompakt, mit sehr anschaulichen Bildern, analytisch und systematisch das Basiswissen vom Jazz. Das Spielen (Literaturhinweise und Motivation gab es jedenfalls genug) muss nun jeder selber lernen.

Grit Leiteritz, Flöte aktuell 1.2002


QUERFLÖTEN - IMPROVISATIONS - WORKSHOP und KONZERT mit TILMANN DEHNHARD

am 14. März 2002 am Labenwolf Gymnasium Nürnberg

Improvisieren? Das kann ich doch nie! In den Tonarten bin ich nicht sonderlich fit - und mit Kreativität und Phantasie...?! Ich vermute, so wird es vielen von uns gegangen sein - und wir wurden alle POSITIV ÜBERRASCHT!
Bei diesem wirklich einmaligen Workshop ging´s mal ganz und gar nicht um exakte, reine und technisch saubere Töne, sondern - zumindest anfangs - erst einmal um das Trauen.
Unsere Gedanken auf der Flöte auszudrücken, ohne weitere Anhaltspunkte, Takt etc. - und dazu noch mit einem Partner - war für jeden vermutlich zuerst mal nicht ganz einfach, aber wer´s dann mal probiert hatte, dem hat man die abfallende Anspannung und den beginnenden Spaß an der Sache deutlich angesehen.
Als nächstes stand der "GROOVE" auf dem Programm: Was ist "GROOVE" eigentlich? - wörtlich: die Rille auf der Schallplatte, hier aber im Sinne von "es muss grooven". Zu siebt haben wir ganz gleichmäßige Viertel gehalten, drei andere von uns - mit Unterstützung von Tilmann - haben mit Achteln, Triolen, Vierteln und anderen Verzierungsmöglichkeiten im Takt dazu improvisiert - wieder völlig frei und ohne Tonart oder ähnliches; es ist ein richtig schwingender Klangteppich mit rhythmischer Einheit entstanden!
Weiter ging es mit der ersten Vorbereitung für das Abschlusskonzert am Abend: aufgeteilt in drei Phasen (alle durften nur denselben Ton spielen, alle haben nur vier ausgewählte Töne zur Verfügung, danach diese ausgewählten auch oktaviert...) hat die Gruppe immer einen Klanghintergrund geschaffen. Zu jeder Phase hat dann ein Solokünstler die Aufgabe bekommen, etwas frei aus dem Bauch heraus zu improvisieren.
Beim Konzert haben wir dies noch in eine Art "Tonspiel" vorher und nachher eingebaut, wobei wir auch unsere neu gelernten Geräuschmöglichkeiten auf er Flöte einsetzen durften: pusten, klappern, flattern, säuseln, ploppen... und den allerhöchsten Ton, den wir können!
Die "Sekundenstücke" haben zwar im Publikum für etwas Verwunderung gesorgt - wie oft sieht man schon Musiker, die nur für etwa 20 Sekunden hervortreten, um zu neunt nacheinander und miteinander jeder eine ganz kurze spontane Idee irgendwann ( in diesen 20 Sekunden!) zu spielen, um dann wieder die andere Gruppe vortreten zu lassen...?? - aber alle waren fasziniert.
Zur Krönung unseres (eigenen ) Auftritts haben die drei Mutigsten noch allein, unvorbereitet und so gut wie unabgesprochen ein Solostück dargeboten: ein absolut einmaliges Stück (im zweifachen Sinne!), denn sie wollten nicht einmal eine Generalprobe machen: "Das wird heute Abend sowieso wieder anders!"
Aber das Highlight war das Konzert von Tilmann Dehnhard selbst. Eine Dreiviertel Stunde lang improvisierte und überraschte er mit ungewohnten Tönen und Flöten (eine norwegische Flöte mit nur zwei Öffnungen: einem Mundloch und einem Loch am Ende der Flöte - aber trotzdem mit allen erdenklichen Tönen!), mit verblüffenden Geräuschen und der von ihm perfekt beherrschten Zirkularatmung.
Der absolute "Renner" war das Stück, in dem er zusammen mit einem nervigen Wecker, der piepsend auf dem Notenständer stand, spielte. Fazit: ein wirklich einmaliger Nachmittag, bei dem sicher alle eine Menge über das "freie" Spielen/Improvisieren und die Techniken dazu gelernt und obendrein viel Spaß gehabt haben - und die Selbstzweifel waren schließlich auch fort!
Über seine Geräuschtechniken hat Tilmann gesagt: wenn jemand die Zeit, die ich hierfür verwendet habe, in die Technik für den absolut perfekten Ton steckt, dann kommt sicherlich etwas anderes dabei heraus, aber mir macht das hier wahnsinnig Spaß! Und davon hat er uns wahrlich einen guten Einblick verschafft und den Spaß daran nähergebracht! DANKE!

Julia Wurm, Klasse 11a, Flöte aktuell 2/2002