WANNA LEARN SOME?

TIME IS NOT ONLY A MAGAZINE oder: WAS IST AN JAZZ EIGENTLICH SO ANDERS?
Die Frage aus dem Titel dieses Artikels ist schnell beantwortet:
Der Rhythmus, die TIME.

Natürlich gibt es noch andere gravierende Unterschiede, doch von denen soll ein andermal die Rede sein.
Die rhythmische Ebene hat im Jazz einen ganz besonders hohen Stellenwert, die Wahrnehmung und Darstellung von rhythmischen Werten und begleitendem Grundpuls haben eine andere Bedeutung, als in der klassischen Musik.
Das hat seinen Ursprung und damit auch seine Erklärung darin, daß Jazz eine Musik ist, die Anfang dieses Jahrhunderts in Amerika durch die Begegnung von europäischer Harmonik und Form mit afrikanischer Rhythmik und Melodik entstanden ist.
Vereinfacht gesagt: Die Rhythmik im Jazz ist schwarzen Ursprungs.

Wenn die Time gut ist, sagt man: Es groovt (Groove heißt ursprünglich Rille, Spur). Und wenn es groovt, dann wird alles gut.
Nehmen Sie eine beliebige gute Jazzplatte (Ausnahme: Free/Avantgarde Jazz), wählen Sie irgendein Stück aus und hören Sie auf die "Rhythmiker" des Ensembles (also Bass, Schlagzeug, Perkussion).
Sie werden feststellen, daß der Grundpuls, der "Beat", (abgesehen von Einleitungen oder Endpassagen) immer durchläuft.
Egal was gespielt wird, die TIME wird immer gehalten.
Hören Sie einmal ein ganzes Stück lang nur auf das Becken des Schlagzeugers: Mit beeindruckender Hartnäckigkeit wird der Puls mit jedem einzelnen Schlag am Leben gehalten, wird das Gefährt des gemeinsamen Musikstücks weitergetrieben.
In jedem einzelnen Musiker pulst es, und dieser Puls wird mit dem Gesamtpuls der anderen Mitspieler ständig abgeglichen, denn jeder trägt die Verantwortung dafür, daß die Time weitergeht.
Die gesamte Art, miteinander zu spielen, wird dadurch beeinflußt, die Musik ist durchwirkt von der einigenden Kraft des gefühlten und gemeinsam erzeugten Rhythmus.

Warum ist das so wichtig?
Weil Jazz zum größten Teil improvisierte Musik ist, deren harmonische Abfolgen und Improvisationsformen zum Teil recht komplex sind.
Der gemeinsame Nenner, daß acht Takte acht Takte sind, ohne daß sie ständig vordergründig dargestellt werden müssen, öffnet das Feld für vielfältigste Variationsmöglichkeiten innerhalb der Form.
Durch Pausen, rhythmische Überlagerungen, Akzente und vieles mehr kann Spannung erzeugt werden, ohne daß die zugrundeliegende Form verlassen werden muß. Agogik im klassischen Sinne ist mit dieser Musizierhaltung nicht möglich, denn die Begleiter warten nicht.
Musik geschieht also nicht als eine Abfolge von Ereignissen, die locker auf dem Zeitstrahl geordnet werden und je nach ihrem musikalisch-dramaturgischen Zusammenhang gestaucht oder gedehnt werden können (wie z.B. leichtes Ritardando vor der Reprise, etc), sondern stellt sozusagen einen Ritt auf dem Zeitstrahl dar, bei dem die Geschwindigkeit nie variiert wird.

Vergleichbar mit dem Stilmittel der Agogik ist das Spiel mit der eigenen Time im Wechselspiel mit dem Rest der Gruppe.
Ein Solist kann sich gegen die Time lehnen, sowohl nach vorne, wie auch nach hinten, ohne daß der Grundpuls fallengelassen werden muß.
Der Effekt ist grandios: Spielt der Solist hinten, entsteht ein Gefühl der Entspannung, Coolness; spielt er vorne, wird der Eindruck von großer Spannung und Eile hervorgerufen.
Dies darf man auf keinen Fall mit Schleppen oder Treiben verwechseln, denn wer schleppt, resp. treibt, hat eine andere Auffassung vom Grundpuls und spielt somit nicht im Einverständnis mit seinen Mitspielern.

Berühmte Solisten kann man leicht an ihren charakteristischen Time-Konzepten erkennen. Vergleichen Sie einmal Aufnahmen der drei großen Tenorsaxophonisten Dexter Gordon (sehr weit hinten), Stan Getz (etwas hinten bis genau drauf) und Sonny Rollins (oft drauf, manchmal vorne). Oder die Trompeter Clifford Brown (genau drauf bis etwas hinten) und Chet Baker (meilenweit hinten).
Miles Davis war ein Meister des Mikrotimings, wie man diesen Effekt auch nennt: In den sechziger Jahren hatte er die Angewohnheit, Achtellinien relativ weit hinten zu spielen, Viertelnoten ganz leicht hinter der Time und Sechzehntelläufe exakt auf der Time oder sogar etwas vorne zu spielen.
Seine Improvisationen werden dadurch besonders lebendig, sie atmen.

Zur eigenen Timeverbesserung empfehle ich folgende rhythmische Koordinationsübungen. Sie mögen auf den ersten Blick einfach erscheinen...

1. Metronom auf 30-40.
Die Klicks stellen Zählzeit 2 und 4 in einem 4/4 Takt dar.
Mit den Füßen auf 1 und 3 laufen und alle Notenwerte auf Achtelbasis laut mitzählen (also: 1-und-2-und-3-und-4-und).
Wenn alles läuft, mit den Händen auf die 1 klatschen.
Wenn das funktioniert, die 1-und klatschen, usw.

2. Alles wie die erste Übung.
Klatschen Sie eine Dreierverschiebung, also jedes dritte Achtel, auf der 1 beginnend.
Nach drei Takten landet man wieder auf der 1.

3. Alles wie die erste Übung.
Klatschen Sie irgendwelche Rhythmen vom Blatt, wenn Sie nichts geeignetes haben, schreiben Sie selbst welche.
Diese Übungen sind die Basis, auf der sich eine gute interne Time entwickeln kann.
Denn ohne die nötige Unabhängigkeit im eigenen Körper kann der Grundpuls sich nicht frei entfalten.
Kurz gesagt: Wer den Grundpuls beim Spielen laufen lassen kann, der spürt ihn auch.

Viel Spaß beim Üben! Auch der längste Weg beginnt bekanntlich mit dem ersten Schritt...

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