WANNA LEARN SOME ?

SOLOIMPROVISATION AUF DER FLÖTE - EIN PLÄDOYER FÜR DEN MOMENT Teil 2
Um Anfängern in der Kunst der Soloimprovisation den Einstieg etwas zu erleichtern, habe ich für diesen Artikel musikalisches Grundmaterial zusammengestellt, das eine recht gute Grundlage für Improvisationen ohne tonales Zentrum bilden kann.
Im Idealfall des «inspirierten Moments» stellt sich die Frage aus dem Titel dieses Artikels gar nicht: Denn die Musik fließt einfach, schert sich einen Dreck um irgendwelche musiktheoretischen Systeme und «Konzepte», wie es oft so schön heißt, und entsteht ganz einfach ohne weitere Hinterfragung.
Erstaunlicherweise sind gerade solche Stücke im Lichte einer späteren Analyse meistens äußerst sinnvoll und nach bekannten Regeln gearbeitet, ohne daß der Spieler dies während des kreativen Vorgangs bewußt hätte planen müssen.

LEARN IT ALL, THEN FORGET IT.
Dieser Satz ist zum Leitsatz für meine gesamte künstlerische Arbeit geworden: Ich bemühe mich darum, möglichst viel an Wissen, Spielfähigkeiten und Erkenntnissen über Musik zu sammeln, und setze dem eine klare Entscheidung zugunsten unbewußter Prozesse im Improvisations- und Kompositionsprozeß entgegen.
Einfacher gesagt: Ich will alles wissen und lernen. Aber wenn ich spiele, dann lasse ich alles fahren und bemühe mich, der Gegenwart zu begegnen. Das ist zwar sehr schwer, aber es ist möglich. Die folgenden Ideen sind nur Materialien, mehr nicht. Es wird schnell langweilig, wenn man Material einfach nur präsentiert.
Das ist so, als wenn ein Koch die Zutaten an den Tisch bringt: Alles ist da, eine Pizza oder ein Salat ist es aber noch lange nicht, denn die Zutaten müssen erst aufbereitet werden. Tut man es geschickt, dann kann aus Kleinigkeiten großartige Musik entstehen (resp.: gutes Essen).

INTERVALLE:
Als Idee fixe für ein Stück kann man sich mit einer bestimmten Sorte von Intervallen beschäftigen. Ich will aus Platzgründen hier nicht auf alle Intervalle einzeln eingehen, obwohl sich über jedes natürlich lange reden liesse. Darum hier nur kurz ein paar Anregungen: Mal mit besonders großen Intervallen experimentieren. Dadurch kann man der Gefahr der «Kinderliedmelodik» von skalaren Melodien entgehen.

GROSSE SEPTIMEN haben beispielsweise einen schwebenden Charakter und fühlen sich gleichzeitig leicht chromatisch an. Dadurch geben sie auch keine unfreiwilligen Hinweise auf eine eventuell zugrundeliegende Tonalität.
KLEINE NONEN kann man dann gut damit kombinieren und bringt damit etwas atonale Schärfe ins Spiel.
GROSSE NONEN haben das schwebende der großen Sekunde, verbunden mit der Schönheit des weiten Sprungs über die Oktavgrenze hinaus. Am Besten ist, Du findest selbst heraus, wie sich Intervalles voneinander unterscheiden, indem Du mit ihnen spielst.

ÜBEKONZEPT: (Erst üben, dann vergessen...) Nimm ein Intervall und spiel es, bis du es kennst. Auf allen Tönen, in allen Kombinationen, auf- und abwärts, über den gesamten Umfang des Instruments.

INTERESSANTE/UNGEWÖHNLICHE SKALEN:
Eigentlich sind alle Skalen grundsätzlich erst einmal interessant. Es kommt nur darauf an, was man mit ihnen macht (siehe Hörempfehlungen am Ende des Textes). Die Gefahr von Skalen besteht meines Erachtens nach in der Verlockung, möglichst alle Töne darzustellen und in Ketten zu präsentieren.
Dadurch entsteht leicht ein inflationäres Rauf-und-runter, das recht bald sowohl Spieler als auch Zuhörer langweilt. Man kann sich eine Skala als Reservoir von Tönen für einen ganz bestimmten Sound vorstellen.
Es gelten die alten Prinzipien: Nicht gleich alles verraten, Vertrauen in die Pausen, in die Kraft der Wiederholung, in die Brechung einer Idee, letztendlich in die Musik selbst. Folgend sollen ein paar Skalen vorgestellt werden, die sich der üblichen Dur-Moll-Tonalität etwas entziehen.

DIE GANZTON-LEITER:
Es gibt nur zwei von ihr, sie hat nur sechs Töne und ist komplett symmetrisch.

BSP. 1

Daraus folgt, daß jede Tonkombination auf jeden anderen Ton der Skala transponiert werden kann. Arbeit mit Sequenzierungen (auch von der einen Skala in die andere) kann hier also interessant sein. Die skalenimmanenten Intervalle sind gr. Sekunde, gr. Terz, Tritonus, übermäßige Quinte/kleine Sexte, kleine Septime, Oktave und gr. None (etc.).
Auch hier mein Tip: Mal explizit mit den großen Intervallen arbeiten. Durch den Wechsel zwischen beiden Skalen kann man dem sich schnell einstellenden Gefühl der Statik entgehen.
Wenn man extrem schnell, also alle drei bis vier Töne zwischen den Skalen, wechselt, entsteht der Eindruck von Chromatik, ohne völlig beliebig zu wirken, da immer nur beim Wechsel zwischen beiden Skalen ein Halbtonschritt entstehen kann.

DIE ALTERIERTE SKALA:
In der tonalen Sprache des Jazz nimmt diese Skala einen wichtigen Platz als Dominantskala ein. Doch davon soll ein andermal die Rede sein. Von der Struktur her ist diese Skala der Ganztonleiter sehr ähnlich.
Nur zwischen Grundton und Terz ist sie anders: Die grosse Sekunde hat sich aufgespalten zur verminderten und übermäßigen Sekunde. Dadurch ist die Skala nicht mehr symmetrisch und hat auch wieder sieben Töne.

BSP.2

Der Tonraum vom Grundton bis zur großen Terz ist besonders interessant: Es gibt sowohl Dur- als auch Mollterz und die kleine None. Anklänge an außereuropäische Musik bieten sich hier an. Wenn man die Skala auf dem zweiten Ton beginnt (also auf der kleinen Sekunde) dann erklingt melodisch Moll, denn die alterierte Skala ist auch interpretierbar als siebter Modus von Melodisch Moll.

BSP. 3

Also: Beim Improvisieren nicht wundern, wenn aus der alteriert-arabischen Stimmung plötzlich ein Moll mit großer Septime wird.

DIE HEXATONISCHE SKALA:
Ihren Namen hat diese Skala von dem Umstand, daß sie nur sechs Töne hat. Es gibt noch mehr Leitern, die hexatonisch sind (z.B. die Ganztonskala), deshalb ist dieser Name nicht ganz korrekt. Mein Lehrer Siggi Busch nannte sie scherzhaft «Die toxische Skala», weil ihr Klang etwas gewöhnungsbedürftig ist, was natürlich auch ihren besonderen Reiz ausmacht.
Der Tenorsaxophonist Bob Mintzer nennt sie «a scale for all occasions», womit er ihre Applizierbarkeit über verschiedenste Akkordarten beschreibt: So richtig paßt sie nie, aber einen leicht dissonanten Beiklang hat sie in nahezu allen harmonischen Situationen.

BSP. 4

Interessant ist, daß der Abstand der einzelnen Töne immer im Wechsel eine kleine Terz und ein Halbton ist. Außerdem kann man diese Leiter auch als zwei übermäßige Akkorde in Sekundabstand ansehen (Lernbrücke: Übermäßiger Akkord mit chromatischem Vorhalt zu jedem Akkordton).
Das macht das Erspielen und Auswendiglernen etwas leichter.

BSP. 5

Zum Abschluß wünsche ich viel Spaß beim Entdecken und Ausprobieren. Nicht vergessen: Nur wer auch wirklich improvisiert, kann es lernen. Nur Mut, denn ein gutes Motiv kommt selten allein...

Hörempfehlungen:

  • J. Aebersold Playalong-CD Nr. 26: «The Scale Syllabus». David Liebman improvisiert über jeweils eine Skalenart und führt exemplarisch deren Möglichkeiten vor.
  • Alle Platten von Hozan Yamamoto (Shakuhachi, Japan), Hari Prasad Chaurasia (Bansuriflöte, Indien) und Nusrat Fateh Ali Khan (Gesang, Pakistan). Oft liegen den Stücken für unsere Ohren recht fremde Modi zugrunde, manchmal kann man auch bewundernd feststellen, was alles aus einer simplen Durskala herauszuholen ist.

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