WANNA LEARN SOME ?

FINGERSPIELE oder: Wie man als nervöser Flötist durchs Leben kommen kann
Jeder Musiker kennt es, dieses Gefühl der Rastlosigkeit, wenn man nicht genug zum Üben kommt.
Dass man mehr üben will, aber es geht gerade nicht, weil man die Flöte nicht auspacken kann: Im Zug, in langweiligen Vorlesungen, im Wartezimmer, auf dem Flughafen. Zeitverschwendung, Leerlauf, Warten.
Was einem in solch einer Situation immer noch bleibt, sind die eigenen zehn Finger und ein klarer Kopf.
Sportwissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass das konzentrierte Nachvollziehen von komplexen Bewegungsabläufen fast so lerneffektiv ist wie die Exekution der Bewegungen selbst.
Soll heißen: Wer sich ganz klar im Kopf vorstellt eine Grifffolge zu greifen, der ÜBT (statt Luftgitarre also sozusagen Luftflöte). Es ist ja nicht so, dass Stillstand keine Aktivität bedeutet. Die Muskeln unserer Körper sind ständig in Bewegung und halten sich warm für den eventuellen Gebrauch. Wenn man sich eine Bewegung im Geiste vorstellt, dann werden die an der Bewegung beteiligten Muskeln bereits enerviert, also zu erhöhter Aktivität angeregt.
James Galway greift die Griffabfolgen schwieriger Passagen kurz vor dem Konzert noch einmal stumm im Schneckentempo durch. Ich vermute, dass er dadurch seine Finger noch einmal an die längst gelernten Bewegungen erinnert.
John Coltrane, der große Saxophonvirtuose des letzten Jahrhunderts, hatte sich aus einem Stock, Klebeband und Kronenkorken eine Art Saxophonattrappe gebastelt, auf der er auf Reisen Griffabfolgen fingern konnte.
David Liebman hat ihn deshalb einmal einen "finger fanatic" genannt.
Fingerbewegungen allein sind natürlich noch lange keine Musik, aber Koordinationsübungen können hilfreich sein auf dem Weg zu guter Fingertechnik.
Die folgenden Übungen habe ich in der Schulzeit begonnen und damit über die Jahre so manche Wartepause weggedaddelt. In langweiligen Proben, im Tourbus, beim Einwohnermeldeamt, in der Telefonwarteschleife der Bundesbahn (wir bitten um ETWAS Geduld...) und an all den anderen Orten, wo einfach nur Zeit vergehen soll und ich meine Finger nicht stillhalten konnte und wollte.
Doch vorher noch ein paar Worte der Warnung:Vorsicht und genaue Selbstbeobachtung sind grundsätzlich bei allen repetitiven Bewegungen nötig, vor allem wenn sie Kraft erfordern (bei isometrische Spannungsübungen und allen Arten von Druckausübung). Auch Dehnungen sind nicht ungefährlich.
Bei allen hier aufgeführten Übungen geht es um Koordination oder Rhythmus. Mit entspannten Fingern (und Handgelenken) lässt es sich relativ lange üben, ohne dass irgendwelche Ermüdungserscheinungen auftreten.
Sollten die Finger oder die Unterarme warm werden, schmerzen oder zittern: Lieber aufhören und was lesen oder sich eben doch mal so richtig langweilen.
Es wäre wirklich zu dumm, sich ausgerechnet mit musikalisch irrelevanten Übungen die Hände zu verderben. Schließlich kann das beste Fingerspiel niemals ein Ersatz sein für echtes Flöten.
Wer extrem viel übt, der sollte sich tatenlose Zeiten gönnen und von diesen Übungen lieber "die Finger lassen".

Grundbewegungen:

1. Die Hände entspannt auf eine Fläche legen (Sitzlehne, Tisch), oder, um sich nicht als nervöser Krabbelfisch zu outen, unauffällig auf die Oberschenkel legen.
Jeden Finger einzeln ca. einen Zentimeter anheben und gleich wieder ablegen. Nicht mit Druck klopfen, nicht die anderen Finger anspannen währenddessen, einfach nur ganz entspannt anheben und wieder ablegen (Diese Bewegung passiert nur im letzten Fingergelenk, alle anderen Gelenke können sich ruhig auch ein wenig bewegen, müssen aber nicht, Hauptsache alles ist locker).

2. Ausgangsstellung wie oben, jeweils einen Finger anheben und durch Krümmen des Fingers die Fingerkuppe Richtung Hand bewegen bis sie sich ungefähr im rechten Winkel zum Untergrund befindet.
Mit etwas Feingefühl lässt sich erspüren, bis wohin der Finger sich heben und beugen lässt, ohne dass es weh tut (Bei manchen Fingern geht das nicht so leicht, die Ringfinger zum Beispiel machen das nur mit, wenn sowohl der Kleine als auch der Mittelfinger sich etwas mitbewegen, das ist OK so).

Abfolgeübungen:

Alle folgenden Übungen können mit beiden Grundbewegungen ausgeführt werden.
Ich benutze die erste lieber, weil sie nicht so anstrengend ist.
Ich habe die Finger von den Daumen ausgehend durchnummeriert nach folgendem Muster:
1R = rechter Daumen, 1L = linker Daumen, 2R = rechter Zeigefinger, usw.

1. Einmal alle Finger durch: 5L, 4L, 3L, 2L, 1L, 1R, 2R, 3R, 4R, 5R und in die andere Richtung: 5R, 4R, 3R, 2R, usw.
2. Rechts und links synchron: 1R+1L, 2R+2L, 3R+3L, usw. und wieder nach innen laufend: 5R+5L, 4R+4L, 3R+3L, usw. (kann man auch alternierend spielen, also 1R, 1L, 2R, 2L, 3R, 3L, usw.)
3. Außen/innen im Wechsel und zum Mittelfinger laufend: 5L+5R, 1L+1R, 4L+4R, 2L+2R, 3L+3R und innen beginnen: 1L+1R, 5L+5R, 2L+2R, 4L+4R, 3L+3R.
4. Beide Hände von einer Seite zur anderen: 5L+1R, 4L+2R, 3L+3R, usw. und wieder zurück: 1L+5R, 2L+4R, usw.
5. Jeweils einen Finger nacheinander mit allen seinen Kollegen kombinieren:L5 mit allen anderen: L5+L4, L5+L3, L5+L2, L5+L1, L5+R1, usw. Danach L4 mit allen anderen: L4+L5, L4+L3, L4+L2, usw.

Für alle Varianten, bei denen die Finger beider Hände sich synchron bewegen, kann man seine Hände auch Dürer-Betende-Hände-gleich aneinanderlegen.

Rhythmische Übungen:

2 gegen 3, 3 gegen 4, 2 gegen 5, 3 gegen 5 und 4 gegen 5...
Hinter diesen kleinen Nummernkürzeln verbergen sich rhythmische Verschiebungen und Überlagerungen, mit denen man viel Zeit totschlagen, oder besser gesagt: Wegtrommeln kann.
Alle Rhythmen sollten erst mal zwischen beiden Händen aufgeteilt werden, denn das ist schwer genug so.

Ich will anhand von 3 gegen 5 kurz erklären, wie man sich so eine Überlagerung erarbeiten kann:

3 und 5 haben ein kleinstes gemeinsames Vielfaches, nämlich 15. Nach fünfzehn Schlägen sind also beide Rhythmen wieder zusammen auf einem Taktanfang.
Wenn wir Achtel als Basis annehmen, dann kommt der eine Rhythmus alle drei Achtel, der andere alle fünf.
Man kann die Überlagerung von zwei Seiten sehen, bzw. hören: Über einem Drei-Achtel-Takt gibt es alle fünf Achtel einen Schlag, oder über einem Fünf-Achtel-Takt gibt es alle drei Achtel einen Schlag.
Also: In den einen Takt die Überlagerung einarbeiten, dann auf das andere Grundmetrum wechseln, möglichst ohne den Rhythmus zu unterbrechen.
Nach einiger Zeit wird die Überlagerung als Ganzes wahrnehmbar und das Zählen hört auf (das ist ein wunderbares Gefühl, wie zum ersten Mal Fahrrad ohne Stützräder fahren...).

Es gibt einen Film aus den siebziger Jahren über den Perkussionisten Zakir Hussein namens "Zakir Hussein and friends", in dem ein paar indische Streetkids auf halb geöffneten Mündern und aufgeplusterten Backen trommelnd ein ganzes Percussionensemble bilden und miteinander improvisieren. Instrumente brauchen die nicht.
Also: ob mit oder ohne Flöte und egal wo, der Kreativität sind letztendlich keine Grenzen gesetzt. Viel Spaß beim Daddeln!

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